Von Trauer, Wut und Enttäuschung

Donnerstag, der 20.07.2017. Um genau 20.25 Uhr bekomme ich eine Nachricht von meinem Bruder. Ein Screenshot, auf dem ich im ersten Moment das Logo der "Bild" erkennen kann. Alleine das Logo verursacht in mir schon Augenrollen. Ja, ich bin absolut kein Fan dieser "Zeitung". Ich öffne es und werde im ersten Moment sauer. "Wie kann dieses Blättchen bitte schreiben, dass Chester tot ist???". Entweder die "Bild" schreibt Mist oder eine geschmacklose Person hat da seine ersten Photoshop-Erfahrungen herumgeschickt. 

Kurz darauf ereilt mich der Gedanke " Was ist, wenn es kein Fake ist?" und ich ertappe mich dabei das Thema im Internet zu suchen. Etliche Nachrichten, die zu diesem Zeitpunkt um die 20 Minuten alt sind, sind das Ergebnis. Ich suche bei Facebook, Instagram und Twitter. Viele Fans schreiben etwas von "Fake". An diese Hoffnung klammere ich mich auch. Aber in diesem Moment, in dem ich diese Zeilen schreibe, ist es bittere Realität. Der Sänger der Band "Linkin Park" ist gestorben. Von Selbstmord ist die Rede. 

 

"Hybrid Theory", die erste CD der Band ist bei mir rauf und runter gelaufen. Erschienen bei uns 2001 fand mich die Musik von Linkin Park in einer Zeit, in der es mir selbst nicht so gut ging. 2001 war das Jahr, in dem ich meine mittlere Reife machte und ich muss sagen, es war keine schöne Zeit. Körperlich und psychisch ging es mir aufgrund meines Lipödems und aus anderen Gründen nicht gut und einer meiner "Klassenkameraden" machte sich einen Spaß draus, mein Wohlbefinden jeden Tag ein bisschen mehr in den Keller zu treiben. 

 

Es ist schwer zu erklären, wie Musik einer Person in so einer Situation helfen kann. Aber die, denen es genauso geht wissen, was ich meine. Die Musik und die Texte von Linkin Park schienen mich zu verstehen und sie gaben mir Kraft. Obwohl ich zu dieser Zeit noch nicht wusste, dass Chester in seiner Vergangenheit wohl missbraucht wurde, dachte ich mir 2001 schon, dass er wohl schlimme Erfahrungen gemacht haben muss. Ich holte mir Trost und Stärkung in seiner Musik und träumte davon sie irgendwann mal live sehen zu können. 

 

2014 erfüllte sich dann dieser Wunsch. Einen Tag vor meinem Geburtstag Anfang November machte ich mich auf den Weg in die Kölner Lanxess Arena. Leider alleine, da ich niemanden kenne, der mit mir fahren wollte. Mein Bruder, der sich ein paar Monate vorher dazu überreden ließ mit mir Korn live zu sehen, lehnte bei Linkin Park aber strikt ab. Ok, meine Karte kostete knapp 80 € und die hinzublättern, wenn man die Musik so gar nicht mag wäre auch nicht unbedingt schlau gewesen. Aber er beteiligte sich als Dankeschön für ein paar Fahrdienste an den Kosten meiner für mich sehr kostspieligen Eintrittskarte und so konnte ich hin. Ich hatte meinen festen Sitzplatz und so war es kaum ein Problem, dass ich niemanden dabei hatte, den ich kenne.

 

Als das Konzert anfing und Chester der Halle die ersten Worte schenkte, kamen mir die Tränen. So lange hatte ich mir gewünscht, die Band, die mir so geholfen hatte live zu sehen und nun war es so weit. Einzelne Lieder wie zum Beispiel "Shadow of the Day" erinnerten mich an die Zeit in der Realschule und auch die in meiner Ausbildung, die auch nicht so toll war und trieben mir wieder die Tränen in die Augen. Ich habe ständig geweint. Bei fast jedem Lied. Bei " Iridescent" erlebte die Stimmung und auch mein Geheule seinen Höhepunkt. Bei "Let it go" sang die ganze Halle mit und das pure Glück strömte durch meinen Körper. Ja, Linkin Park hat Recht, wie so oft:

 

" Erinnere dich an all die Traurigkeit und Frustration.

Und lass sie gehen.
Lass sie gehen"

 

Es war ein unbeschreibliches Erlebnis. Die Lichter, die ganz besondere Stimmung, einfach alles. Und ich bin froh und dankbar, dass ich dabei sein konnte. Heute noch ein kleines Bisschen mehr als gestern. Der Wunsch sie noch einmal live zu sehen läuft jetzt wohl ins Leere...

 

Ich bin traurig. Traurig darüber, dass jemand, der Millionen Menschen nicht nur unterhalten, sondern durch seine Musik auch unterstützt hat, diesen Weg wählte. Er hat so vielen Menschen geholfen und sich selbst konnte er nicht retten. Viele Facebook-Kommentare gingen in dieselbe Richtung wie meine Erlebnisse. Man liest viel von "Mir ging es nicht gut und du hast mir geholfen Chester". 

 

Irgendwie bin ich auch ein bisschen wütend, obwohl ich nicht das Recht dazu habe. Konnte er keinen anderen Weg wählen? Hatte er sich Hilfe gesucht oder ist er "einfach so gegangen"? Und was ist mit seinen Kindern? 

Wütend sein auf jemanden, der unter Depressionen litt ist unangebracht, das weiß ich. Wütend bin ich auch auf die Menschen, die ihm nahe standen. Haben die das nicht kommen sehen und deshalb vielleicht ein bisschen mehr Acht gegeben? Man hört doch, dass es ihm nicht gut ging... Auch bin ich wütend auf die Fans, die sich so schlecht über das neue Album geäußert haben. Klar, man muss als Musiker oder generell als Künstler auch mit negativer Kritik umgehen. Aber muss es denn immer so sein, dass es nicht mehr Kritik ist, sondern schon Hass? Einige Kommentare zum neuen Album sind ja unter alles Sau... Und wütend bin ich auch auf die Person, die ihn früher missbraucht haben soll. Das habe ich gestern noch in den unzähligen Nachrichten über ihn gelesen. Ich hoffe diese Person bekommt irgendwann seine gerechte Strafe dafür. 

 

Ganz egal, was ich jetzt fühle, dass ein Held meiner Jugend nun nicht mehr da ist, es wird an der Situation nichts ändern. Linkin Park wird es nicht mehr so geben wie einst und dieses einmalige Gefühl sie live zu werden wir auch nicht mehr haben. Traurig macht mich, dass er scheinbar keinen anderen Ausweg gesehen hat, als sein Leben zu beenden. Trotz Familie und Millionen von Fans. 

 

Ich könnte jetzt noch Stunden lang schreiben. Über meine Lieblingssongs, über die Situationen, in denen mir die Musik geholfen und mich unterstützt und gestärkt hat, aber es ändert eben nichts. Erinnerung, das ist alles was bleibt. Und auch Aufmerksamkeit. Aufmerksamkeit gegenüber unseren Mitmenschen. Wenn man bemerkt, dass es jemandem schlecht geht, sollte man aktiv werden. Auch, wenn es nur ein Verdacht ist. Depressionen sind weiter verbreitet, als so manch einer denkt und sie müssen ernster genommen werden. 

 

Mir bleibt nichts mehr als mich zu bedanken. Danke für alles. Ruhe in Frieden, Held einer ganzen Generation. 

 

Ich habe euch hier ein kurzes Video von November 2014 raus gesucht. Die Bildqualität ist echt mies, da ich nur ein altes Smartphone dabei hatte. Aber seine unverkennbare und einzigartige Stimme ist zu erkennen

https://youtu.be/KJnuX4i1vJY

 

Liebe Grüße

 

Dani

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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